POTS ist keine Einbildung
Neue Übersicht beschreibt POTS als eine heterogene, systemische autonome Störung mit zahlreichen Ursachen und unterschiedlichen Symptommustern, die häufig übersehen oder falsch interpretiert werden
Forschungsergebnisse belegen, dass das Posturale Tachykardiesyndrom eine komplexe autonome Störung ist und nicht auf mangelnde Fitness zurückzuführen ist. Dies führt zu einem Paradigmenwechsel in Diagnose und Behandlung. POTS wird nicht mehr als Folge mangelnder Fitness abgetan. Neue Studien belegen die Erkrankung als komplexe autonome Störung. Das stellt die Therapie auf den Kopf.
AI-Summary:
1. Grundlegende Erkenntnis
Das Posturale Tachykardiesyndrom (POTS) ist keine „Einbildung“, keine Folge mangelnder Fitness, sondern eine echte komplexe autonome Funktionsstörung des Körpers. Betroffene zeigen eine deutliche Fehlregulation des autonomen Nervensystems, insbesondere bei Lageänderungen (z. B. vom Liegen zum Stehen). Diese Erkenntnis bestätigt eine aktuelle Übersichtsstudie von internationalen Expertinnen und Experten.
2. Was ist POTS?
POTS ist definiert als ein unverhältnismäßig starker Anstieg der Herzfrequenz beim Aufstehen, typischerweise um ≥ 30 Schläge pro Minute innerhalb der ersten Minuten, ohne dass ein signifikanter Blutdruckabfall vorliegt. Dieser Herzfrequenzanstieg ist begleitet von Symptomen wie Schwindel, Herzrasen, Erschöpfung, Übelkeit oder Konzentrationsproblemen.
Die neue Übersicht beschreibt POTS als eine heterogene, systemische autonome Störung mit zahlreichen Ursachen und unterschiedlichen Symptommustern, die häufig übersehen oder falsch interpretiert werden.
3. Hauptbefunde der neuen wissenschaftlichen Daten
a) POTS ist primär eine autonome Dysfunktion, nicht Deconditioning
Die Daten zeigen klar, dass körperliche Inaktivität bei Betroffenen eine Folge der Erkrankung ist, nicht ihre Ursache. Das widerspricht älteren Annahmen, dass POTS durch mangelnde Fitness ausgelöst werde.
b) Körperliche Reaktion bei Belastung ist abnormal
In einer schwedischen Studie mit rund 467 Long-COVID-Patienten litten rund 31 % an POTS. Diese zeigten im 6-Minuten-Gehtest außergewöhnlich hohe Herzfrequenzen bei deutlich geringerer Strecke, was physiologisch nicht auf Deconditioning, sondern auf eine gestörte autonome Regulation hindeutet.
c) Störungen der Blut- bzw. Gehirndurchblutung
Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei POTS der Blutfluss zum Gehirn bei Lagewechseln reduziert ist und zusätzliche Symptome (z. B. Hyperventilation) verstärken kann.
4. Diagnoseempfehlungen aus dem Review
Die Übersichtsstudie aus Heart, Lung and Circulation betont, dass objektive Tests zur Diagnose entscheidend sind und subjektive Einschätzungen nicht ausreichen. Zu den empfohlenen Verfahren gehören:
• Aktive Stehtests mit Messung von Herzfrequenz und Blutdruck
• Kipptischuntersuchungen (Tilt Table Test) als Standardverfahren
• Ausschluss anderer Ursachen und ggf. erweiterte Tests für autonome Störungen
Eine korrekte Diagnostik ermöglicht, POTS frühzeitig zu erkennen und von anderen Ursachen zu unterscheiden.
5. Therapieaspekte – was sich ändert
Traditionelle Empfehlungen, etwa Ausdauertraining als Haupttherapie, werden kritisch hinterfragt. Stattdessen werden folgende Ansätze hervorgehoben:
1. Volumenaufbau: Erhöhung von Flüssigkeits- und Salzaufnahme zur Stabilisierung des Blutvolumens.
2. Schonendes körperliches Training: Bewegung im Liegen oder Wasser zur Entlastung des autonomen Systems.
3. Pacing: Gezielte Aktivitätsplanung zur Vermeidung von Überlastung und symptomatischen „Crashs“.
4. Medikamentöse Unterstützung: Einsatz von Betablockern oder Ivabradin zur Kontrolle der Herzfrequenz, wenn erforderlich.
Diese Ansätze werden als integrativer, individualisierter Therapiepfad beschrieben, der der komplexen Natur von POTS besser entspricht als Standard-Rehabilitationsprogramme.
6. Bedeutung der Forschung für Betroffene
• Krankheit anerkannt: POTS gilt wissenschaftlich als reale autonome Störung, nicht als psychosomatische oder Fitnessfrage.
• Besser diagnostizieren: Objektive Tests helfen, echte Fälle präzise zu identifizieren.
• Angepasste Therapie: Mehr Fokus auf symptomorientierte Strategien und Lebensstil-Anpassungen statt pauschalem Training.
• Interdisziplinäre Versorgung: Langfristig benötigen Betroffene koordinierte Betreuung durch Allgemeinmedizin, Kardiologie, Neurologie und Physiotherapie.