Wer sich mehrmals mit Corona infiziert, hat auch heute noch Risiko für Spätfolgen

Vielerorts hört man, Corona sei mittlerweile wie ein harmloser Schnupfen. Doch internationale Langzeitstudien zu den sogenannten “Post-Akuten-Infektions-Syndromen“ (PAIS), zu denen auch Erkrankungen wie Long Covid und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/ Chronic Fatigue Syndrom) gehören, geben Anlass zur Sorge. Corona-Mehrfach-Infektionen sollen insbesondere für Kinder ernstzunehmende Gesundheitsschäden nach sich ziehen. Da sich weltweit Millionen Menschen infiziert haben, ist die nächste Frage: Droht uns eine Pandemie der Corona-Langzeitfolgen?

AI-Zusammenfassung:

Der Artikel der österreichischen Rechercheplattform *Kontrast* argumentiert mit wissenschaftlichen Daten, dass Corona-Langzeitschäden fünf Jahre nach Pandemie-Beginn nicht als „überwundene Krise“ verstanden werden können, sondern eine fortlaufende „Pandemie nach der Pandemie“darstellen.

 

Die epidemiologische Realität

Globales Ausmaß: Weltweit sind 400 Millionen Menschenmit Corona-Langzeitschäden betroffen. Eine Metaanalyse von 429 Studien (2021–2024) schätzt, dass 36% der infizierten Bevölkerung Long COVID entwickelt. Die regionalen Unterschiede sind erheblich: Südamerika zeigt die höchste Rate (51%), Europa 39%, Asien nur 32%. In Österreich zählte das Nationale Referenzzentrum für PAIS 2024 etwa 500.000 Long-COVID- und 80.000 ME/CFS-Patienten; Deutschland hatte circa 1,5 Millionen Betroffene, die USA 2025 bereits 48 Millionen.

Mehrfachinfektionen als Treiber

Ein Kernproblem ist die virale Adaptabilität: Das Coronavirus entwickelt sich kontinuierlich weiter und kann sein Zielspektrum verändern. Dies macht Herdenimmunität unmöglich und führt zu Mehrfachinfektionen. Der Artikel belegt mit internationalen Langzeitstudien, dass sich die Long-COVID-Risiken mit jeder Infektion um 10% akkumulieren. Konkret: Nach der zweiten Infektion liegt das Long-COVID-Risiko bei 25%, nach der dritten bei 38%. Eine Reinfektion erhöht das Risiko um 35%– auch bei bisher nicht Betroffenen. Besonders alarmierend: Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren haben nach einer zweiten Infektion ein verdoppeltes Long-COVID-Risiko.

 

Der Weg zur Chronifizierung

Der Artikel dokumentiert, dass Long COVID sich häufig zu chronischer Erkrankung entwickelt. Etwa 50% der weltweiten Long-COVID-Fälle kämpfen nach zwei Jahren noch mit vielen Symptomen. Nach sechs Monaten erfüllen ca. 50% die Diagnosekriterien für ME/CFS(Myalgische Enzephalomyelitis), den schwersten Long-COVID-Subtyp. Das RECOVER-Projekt berichtet von einer 15-fachen Steigerung der ME/CFS-Fälleim Vergleich zur Zeit vor der Pandemie – mehr Betroffene als von Multipler Sklerose oder Parkinson. Die Genesungsrate bei ME/CFS liegt bei nur 7%.

ME/CFS zeichnet sich durch das Leitsymptom Post-Exertional Malaise (PEM)aus – eine überproportionale körperliche, kognitive oder emotionale Erschöpfung nach minimalen Aktivitäten. Die Erkrankung ist multisystemisch und wird durch weitere Infektionen weiter verschärft, im schlimmsten Fall bis zur Bettlägerigkeit.

 

Besondere Gefährdung von Kindern

Der Artikel beleuchtet ein oft übersehenes Problem: Kinder und Jugendliche tragen ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen. Bereits nach einer Infektion zeigen sich 63% erhöhtes Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen(Rhythmusstörungen, Myokarditis, Herzinsuffizienz), 35% höheres Risiko für Nierenerkrankungenund 25% für Darmprobleme. Etwa 4% der infizierten Kinderentwickeln Long COVID. Besonders relevant: Jugendliche zwischen 12–17 Jahren haben das höchste Long-COVID-Risiko unter allen Altersgruppen. Zudem berichten infizierte Kinder 1,5-Mal häufigervon Angststörungen und Depressionen.

 

Diagnostische und Versorgungslücken

Ein strukturelles Problem: In Österreich existieren nur Schätzungen, keine offiziellen Daten. Viele Institutionen erkennen diese Erkrankungen nicht an. Ein wesentliches Hindernis ist der Mangel an Fachwissen: ME/CFS wurde erst 2025 (freiwillig) in die medizinischen Lehrpläne aufgenommen, obwohl die Krankheit seit 1969 in der ICD klassifiziert ist. Dies führt zu Stigmatisierung, Falschdiagnosen und Versorgungslücken. Hinzu kommt: 79% der Long-COVID-Patienten werden bei Anträgen auf Behindertenpass oder Berufsunfähigkeit abgelehnt, was viele in Armut treibt.

 

Wirtschaftliche Dimension

Die ME/CFS Research Foundation und Risklayer berechneten für Deutschland Kosten von 63,1 Milliarden Euro pro Jahr(1,5% des BIP). Österreichkalkuliert 2,57 Milliarden Euro jährlich. Die USAverdoppelten ihre Schätzungen zwischen 2023 und 2025 deutlich. Diese Kosten setzen sich aus Krankenstanden, medizinischer Versorgung und entgangenen Steuervollzugseinnahmen zusammen.

 

Präventive Antworten

Der Artikel betont, dass Prävention die einzige wirksame Maßnahme bleibt – da Heilung für ME/CFS nicht existiert. Empfohlen werden regelmäßige, variantenangepasste Booster, FFP2-Masken, Lüftung, HEPA-Filter in öffentlichen Räumen und Gesundheitseinrichtungen. Der Grund: Für ME/CFS-Patienten ist Infektionsschutz derzeit die einzige Möglichkeit, Verschlechterung zu verhindern. Gesundheitsschutz wird als Akt der Solidarität verstanden– nicht nur für vulnerable Gruppen, sondern für alle, um Mehrfachinfektionen zu vermeiden.

 

Hoffnung durch Investitionen

Deutschland kündigte im November 2025 eine „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“mit 500 Millionen Euro (2026–2036) an. Es bleibt abzuwarten, ob Österreich folgt.

 

Zentrale Kritik

Der Artikel kritisiert die mediale und politische Bagatellisierung(Corona als „harmloser Schnupfen“), obwohl wissenschaftliche Evidenz das Gegenteil zeigt. Österreich hat einen Aktionsplan für PAIS (2024) beschlossen, aber noch nicht umgesetzt. Es fehlen spezialisierte Versorgungsstrukturen, Anlaufstellen und koordinierte Prävention – ein strukturelles Versäumnis angesichts von Millionen Betroffener.