Marc

Nachruf
Ach, Marc.
Nun bist Du also doch gestorben. Wir kennen uns schon einige Zeit, und ich habe Dich als so zwiespältig erlebt zwischen der Unerträglichkeit und dem Weiterkämpfen – um Anerkennung, um Gesehenwerden, um angemessene Versorgung. Manchmal auch einfach um ein paar schöne Momente im Leben, wie wenn Du aus Deinem Bett geklettert bist, um Dir Süßigkeiten zu holen, auch wenn Du das sich mit noch mehr Leiden bezahlt hast…

Aber vielleicht ein bißchen strukturierter: Marc Kirch ist am 17. 09. 2025 im Rahmen einer Freitodbegleitung in Berlin verstorben. Er hatte von Kindheit an mit verschiedenen gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen und litt die letzten 11 Jahre unter ME/CFS. Die letzten anderthalb Jahre verbrachte er im Bett im abgedunkelten Raum. Marc ist 51 Jahre alt geworden.
Ich habe ihn vor zwei Jahren kennengelernt, als er mich um Informationen zur Sterbehilfe bat – und dann lange nichts von ihm gehört, was ja eine gute und eine schlechte Nachricht sein kann. Wieder aufgetaucht in meinem Horizont ist er dann im August 2024, als ich darum gebeten hatte, dass Betroffene ihre Bundestagsabgeordneten anschreiben könnten, um zu meiner Lesung einzuladen. Man hat normalerweise 1-4 Wohlkreisabgeordnete, und die Bitte war, sich an die zu wenden. Marc hat statt dessen einfach angefangen, alle Abgeordeneten einzuladen, und schrieb mir irgendwann, als er sich 400 Emails näherte, er könne jetzt nicht mehr und müsse seine Energien schonen…
Das war eine der erstaunlichen Sachen an Marc: Wie viel Initiative er entwickeln konnte und wie er es geschafft hat, trotz großer Einschränkungen aus seinem Bett heraus Dinge und Menschen zu bewegen. Er hat es geschafft, Kontakt und Beziehungen aufzubauen, auch wenn er seinen Raum nicht verlassen konnte. Und er hat seine Mails immer wieder dazu genutzt, für die Belange von Menschen mit ME/CFS zu kämpfen. Informationen weiterzugeben, Presse oder andere relevante Stellen anzuschreiben, Petitionen zu unterstützen.
Bis zuletzt war es ihm so wichtig, das Leid sichtbar zu machen, dass er sich noch kurz vor seinem Tod von einer Journalistin porträtieren ließ, die er auch bat, nach seinem Tod einen weiteren Artikel zu verfassen. Ich hoffe sehr, dass es ihm nach all den Jahren der Unsichtbarkeit wenigstens ein kleines Bisschen gut getan hat, nochmal so sehr im Mittelpunkt zu stehen kurz vor seinem Abschied. Er reiht sich in dieser Beziehung ein in eine Reihe Betroffener, die in diesem Jahr ihren assistieren Suizid sichtbar gemacht haben – einerseits zum Schock der Gesellschaft, andererseits, damit sich hoffentlich endlich was ändert.
Mittlerweile erlebe ich schon mal, dass Menschen aus der normalen Welt von ME/CFS gehört haben – aber dass man an dieser Erkrankung sterben kann, ist nicht präsent.
Hier kommen ganz andere Menschen zu den Sterbehilfeorganisationen: Sie sind nicht alt, nicht lebenssatt. Sie können sich nicht verabschieden, lange nicht alle letzten Gespräche führen, die sie wollen, sie können oft nicht mal mit sich in Ruhe darüber nachdenken, weil sie ihre Symptome nicht eine Sekunde aus ihren Klauen lassen.
Also bin auch ich total zwiespältig: Es ist ein Segen, dass Marc selbst entscheiden konnte, dieses Leben nicht mehr weiter zu führen. Es ist ein riesiger Schmerz für ihn und alle, die ihm nahe waren. – Und eine Schande für diese Gesellschaft, die durch Kälte, So-Machen-Wie-Immer und fehlendes Einfühlungsvermögen wieder einen wichtigen Menschen verloren hat.
Lieber Marc, ich wünsche Dir eine gute Reise. Danke für alles.
Marcs Erkrankungsverlauf