Mandy

Mandy ist am 01. 02. 2025 durch Sterbefasten verstorben. Sie war ein quicklebendiger, sehr kreativer Mensch. Daher sind ihre Lieder, und die Geschichten, die sie ihren Kindern gern erzählt hat, ein wichtiger Teil dieser Seite. Mandy teilt aber auch berührende Einsichten zu Leben und Tod.

Nachruf

“Bis gleich!”

So haben wir uns immer verabschiedet in Mandys letzten Lebenswochen. Sie hat das eingeführt, weil es (verständlicherweise) stressig für sie war, nach jeder Nachricht zu überlegen, ob sie jemanden nochmal hören würden oder sich eventuell gerade fürs ganze Leben verabschiedete.

Mandy hatte schwerst ME/CFS und noch einige andere Krankheiten, und wollte sterben. Wir haben uns in ihren letzten Monaten kennengelernt, und haben Sprachnachrichten ausgetauscht über das Leben und das Sterben. Mandy war bei ihrem Tod 47, ein quirliger, lebensfroher Mensch und Mutter von vier Kindern – das Loslassen ist ihr nicht leichtgefallen.

Gleichzeitig war da aber die Krankheit, mit viel zu vielen Schmerzen und Einschränkungen, um erträglich zu sein. Mandy war so gut wie blind und konnte sich nicht selbst versorgen. Ihre Familie – zum Teil mit eigenen Erkrankungen belastet, zum Teil natürlich auch mit der Versorgung der Kinder betraut – hat sich über alle Grenzen beansprucht, um ihr einen guten, umsorgten Abschied zu ermöglichen.

Mandy konnte nicht mehr.

Und sie hat das Dilemma beschrieben, das der Tod in so einem Alter und in ihrer Lebenssituation bedeutete. „Mit einem ME- und ADHS-Nervensystem ist friedliches Abschiednehmen überhaupt nicht denkbar.“ Immer wieder rasten Wellen von Gefühlen, aber auch Initiative, durch sie hindurch, und sie schrieb noch ein Gedicht, hatte noch eine Idee oder versuchte, noch ein klärendes Gespräch zu führen.

Sie hat in diesen letzten Monaten viel für sich herausgefunden und hatte Momente von übergeordneten Einsichten und tiefem Frieden, wofür ich sie sehr bewundere.

Und trotzdem: Ein friedvoller Abschied sieht anders aus. Über Monate hat sie sich um Sterbehilfe bemüht und erhielt keine klaren Reaktionen ihrer Anlaufstellen. Mandy schluckte zwischendurch eine Überdosis Tabletten, weil sie das als einzigen Weg sah – und wachte im Krankenhaus wieder auf.

Viermal, hat sie erzählt, hat sie sich von ihren Kindern verabschiedet. Ich kann und will mir nicht vorstellen, was das für ihre Familie bedeutet hat.

Und: Es ist nicht unbedingt so, dass jemand an irgendeiner Stelle die Dinge „einfach“ hätte bessermachen können. Die unklare rechtliche Situation zur Sterbehilfe, die Sprunghaftigkeit, mit der Many manche Entscheidungen traf, Verstrickungen in verschiedenen Beziehungen, die Unbekanntheit von ME/CFS bei medizinischen Einrichtungen und Behörden … Das alles wird eine Rolle gespielt haben.

Auf jeden Fall habe ich Mandy kennengelernt, als sie innerlich längst auf dem (Sterbe-)Weg war, auch wenn der Prozess des Sterbefastens erst Monate später begann. Unser Austausch hat mich so bereichert, weil Mandy neben einer Beziehung zu mir auch eine zu Silja hatte – meiner Schwester, die ich durch ME/CFS und assistierten Freitod begleitet habe. Sie hatte das Gefühl, uns beide durch mein Buch kennenzulernen, und ließ mich an ihrem gesamten Prozess des Lebenabschließens teilhaben.

Schritt für Schritt ordnete sie Dinge und Beziehungen, genoß noch, was sie konnte, und verabschiedete sich von allem, was nicht mehr ging. Intuitiv bewegte sie sich durch einen Meditationsraum, in dem sie zum Beispiel mit ihren Organen Kontakt aufnahm und zuletzt selbst das Herz, das immer noch schlagen und leben wollte, darum bat, es möge mit Rücksicht auf andere, kaputte Organe, seinen Lebenswillen loslassen.  Es war, als ob dieser Prozesse ihr Unterbewusstsein (ihre Essenz? Ihre Seele?) auf Pfade führte, die es ihr erlaubten, Frieden zu machen und Schritt für Schritt aus dem Leben zu gehen. Sie strahlte Ruhe und Vertrauen aus, wenn sie davon berichtete.

Und das war natürlich längst nicht alles. In diesen letzten Monaten gab es nochmal alle möglichen Schwierigkeiten, sowohl im Praktischen (wo sollte sie wohnen, wo konnte sie versorgt werden?) als auch in Beziehungen zu allen wichtigen Menschen in ihrem Leben, als auch gesundheitlich. Vielfach war Mandy eben nicht friedvoll und ruhig. Sie musste Dinge allein machen, die sie eigentlich überforderten, es fehlten klare Ideen, wie alles gehen kann, der Versuch, ihr Leiden von den Kindern fernzuhalten, verlangte riesige Kräfte und Ärger mit Behörden gab es auch noch mittendrin.

Ich habe die Details oft nicht verstanden (Mandy hatte nicht die Kraft, viel zu kommunizieren, und da habe ich nicht nach Einzelheiten gefragt), aber ich glaube, dass sie alle Härten, die ME in der heutigen Gesellschaft mit sich bringen kann, reichlich leben musste.

Umso erleichterter bin ich, dass sie in einer Nachricht mal sagte, sie sei froh, dass der Suizidversuch vom Herbst nicht gelungen sei und sie so die Zeit habe, mit sich und ihrem Leben nochmal anders abzuschließen. Sie sagte, sie habe die völlig neue Perspektive, dass Tod nicht Aufgeben aus Leid sei, sondern dass sie psychisch in den Tod hineinheilen könne, dass der Abschiedsprozess heilsam sein könne, statt verzweifelt.

Sie nahm noch die Lieblingsgeschichten ihrer Kinder auf, die sie denen immer erzählt hatte, schrieb Lieder, die ein Freund vertonte, und verband sich viel mit Gedanken an das Positive, was sie mit Menschen geteilt hatte. Ihre Arbeit in Kindergärten und dem Draht zu kleinen Menschen. Der Musik, die sie gerade am Ende sehr geliebt hat, was sie auch mit ihrem Vater verband. Kreativität überhaupt. Und Liebe.

Ich habe, wie gesagt, nur Ausschnitte mitbekommen und bin sicher, dass sie nicht alles lösen konnte – aber sie hat es zumindest momentweise geschafft, friedlich und klar aus ihrem vollen, leidvollen, manchmal verwickelten und an vielen Stellen auch wunderbaren Leben zu gehen.

Mandy ist am 01. Februar 2025 nach vier Wochen Sterbefasten aus dem Leben gegangen – und sie hinterläßt neben tiefer Trauer auch Liebe, Kreativität und Inspiration, bei vielen Menschen.

Ich freue mich, dass ich einer davon bin. 

Das war das Ende einer der Sprachnachrichten in unserem Austausch: “OK, ich kann nicht mehr reden heute. Ich gehe mal gucken, wo die liebe Silja so rumhängt” – ich weiß gar nicht, ob ich so eine Vorstellung von der Existenz meiner Schwester jetzt nach ihrem Tod habe. Aber die Idee, dass jemand anders sie so sieht, dass Du, Mandy, sie so siehst, macht mich sehr glücklich.

Ich hoffe, Ihr trefft Euch und habt Spaß miteinander. Bestell Ihr die liebsten Grüße.

Bis gleich!

 

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